„Im Grunde genommen ist das ja ganz einfach“, fing Idstedts früherer Bürgermeister Edgar Petersen mit klar strukturierten Hintergedanken an. „Guckt euch doch mal die Wappen unserer beiden Gemeinden an! Idstedt ganz hoch und dagegen Stolk recht mickrig.“
„Das ist ja wohl ein Witz!“, konterte ein Stolker. „Das sagt einer, dessen Ortskern nicht überall 20m ü. NN liegt, während durch Oberstolk die 50m-Höhenlinie verläuft. Zusätzlich haben wir den ´Königshügel` und obendrauf einen Mast, der länger ist als eure Wappenstange, und wenn wir wollen, dann heben wir diesen Mast noch extra in die Luft.“
„Und wenn wir schon bei der Höhe sind – wenn ihr mal vergeblich versucht, hoch hinauf zu kommen, stürzt der Turm ein und der Mensch ab:
Wir hingegen lassen unsere weithin bekannten Mitbürger richtig fliegen.“
„Ok, ihr Stolker könnt das in der Höhe besser. Aber was nützt es euch, ein anerkannt ´schönes Dorf` zu sein, wenn Schönheit in eurem Vereinshaus so aussieht?!
Schaut mal im Vergleich, wie es in unserem Sportlerheim aussieht, wenn Leute da zusammenkommen!“
„Also, das können wir erheblich besser“, wandte da ein bekannter Stolker ein. „Hier im Goldenen Stern, wenn´s um Schönheit geht; das macht uns keiner nach!“
„Das ist ja nicht zu glauben – in Stolk ist alles höher und schöner! Dann muss ich jetzt mal klare Fakten auf den Tisch legen“, erwiderte Edgar Petersen. „Der Name der neuen Gemeinde muss ´Idstedt`sein; den kennen alle; aber wer kennt denn schon Stolk? Das lernt man ja schon in der Schule: Am 25.7.1850 war die Schlacht bei Idstedt!“
„Da läuft gerade ein Antrag auf Umbenennung“, wusste ein Geschichts-Profi aus Stolk. „Wo ist denn die Schlacht entschieden worden? Völlig unvorbereitet und überraschend waren große Truppenteile in Oberstolk aneinander geraten. Bei uns brannte die halbe Ortschaft ab.
Als General von Willisen in Idstedtkirche den unerwarteten Gefechtslärm aus dem Osten hörte, hatte er Angst, die Dänen würden von dort durchbrechen und die Schleswigholsteiner nach Westen in die sumpfige Geest abdrängen. Nur deshalb hat er zum sofortigen Rückzug blasen lassen. Also müsste es richtig heißen ´1850 Schlacht in Oberstolk`. – „Die Umbenennung kriegt ihr niemals durch“, konterte der erfahrene Idstedt-Stiftung-Politiker.
„Doch! Wir machen das, wie es seit Donald Trump in der Welt üblich ist: Wir drohen, u.zw. damit, diesen Gedenkstein zu enthüllen!“
„Nein!! Bloß nicht! Niemals darf die Inschrift dieses Steines neben dem Gedenkstein von Generalmajor Schleppegrell zu sehen sein“, rief Edgar Petersen aufgeregt. „Euer Bürgermeister von vor vier Jahren soll sich mal erinnern, welcher Konflikt mit dem dänischen Verteidigungsministerium sich damals anbahnte, nur weil Auswärtige diesen Stein da hingesetzt hatten. Zum Glück habt ihr den entfernt. Nun steht er in Bollingstedt. Da hat der Schütze, der Schleppegrell erschossen hat, schließlich auch gewohnt.
Also geb ich bei diesem Thema lieber klein bei. Aber – ich hab noch was, und damit krieg ich euch:
In der ältesten Geschichte des Königreichs Dänemark sind wir schon bekannt; denn der festländische Teil von Dänemark, also Jütland, war in Verwaltungsbezirke eingeteilt. Man nannte sie „Syssel“. Plattschnacker kenn´dat: Dor hett een wat to süsseln, heet, ördnlich wat to doon. Und der Bezirk bis an die Eider als Südgrenze hieß ´Idstedt-Syssel` und ist übrigens erstaunlich mit dem heutigen Kreisgebiet vergleichbar.“
„Das ist die einfache Sicht auf die Dinge“, erwiderte da ein Stolker. „Ich betrachte das mal ganzheitlich aus verschiedenen Fachrichtungen. Das geht mit der Sprache los: Vor 1000 Jahren hieß der Verwaltungsbezirk nicht ´Idstedt-Syssel`, sondern ´Iistathe-Syssel`. ´Ii` ist das altdänische Wort für ´Eibe`, und dieser immergrüne Baum war der Göttin Freya geweiht, Sinnbild für Leben, Wachstum, Frühling – Sonnenaufgang. Kleiner Exkurs: Die Eider ist als frühere ´Iidora` also wörtlich ein ´Geschenk des Ostens`; das ist selbsterklärend.
Aber nun geht’s weiter: Alle Siedlungen hatten damals einen Thingplatz, wo kleinere Vergehen verhandelt wurden, wie Beleidigung oder Diebstahl. Aber Verbrechen, wie Mord, wurden am Obergericht verhandelt, im Hauptort, und der lag möglichst in der Mitte. Da ging es um die Todesstrafe. Zum Tod gehört aber auch die Auferstehung und das ewige Leben, seit das Christentum vor 1000 Jahren bei uns angekommen ist.
Und nun pass auf: Es gibt nur einen Ort im Kreisgebiet und früheren Syssel, der Tod, Ende und Sonnenuntergang mit Leben, Anfang und Sonnenaufgang verbindet – unser heutiger Grenzbach, die Strukkjer Au. Ihr Wasser fließt im Sommer dem Untergang zu, nennt sich Röhmker Au, wendet sich aber hinter dem Sichtfeld zurück gen Osten, fließt über Idstedter See, Langsee, Wellspanger und Füsinger Au in die Schlei und verliert sich in der Unendlichkeit des Ostens.
Ganz in der Nähe des Oberlaufes dieses außergewöhnlichen Wassersystems liegt auf Stolker Seite das Flurstück „Sandlum“. Oberflächlich gedacht ist es ´Sandholm`,die ´Sandinsel`; aber es kann auch von dänisch ´sand`= wahr oder ´sande`=gestehen, zugeben hergeleitet sein.
Als es noch keine Bürgermeister gab, war der Chef einer Siedlung der ´Sandmann`. Er hatte die Wahrheit herauszufinden und z.B. aufgrund tatsächlicher, wahrer Verhältnisse die Abgaben der Bewohner festzulegen. Demnach wäre der tatsächliche Haupt-Thingplatz des damaligen Syssel auf ´Sandlum` gewesen, und das liegt auf Stolker Seite.
Hier liefere ich den Beweis: Wenn man vom östlichsten Punkt des Syssels, der Nordspitze der Geltinger Birk, eine gerade Linie zieht zum westlichsten Punkt, dem Zusammenfluss von Treene und Eider, wie er vor 1000 Jahren war, nämlich bei Mildterhof südlich von Schwabstedt, dann ist exakt die Hälfte dieser 66 km langen Strecke … ja, hier seht ihr es: auf Sandlum in Stolk!
Und deshalb werden wir beantragen, die altdänische Geschichtsschreibung neu zu fassen und den Namen ´Stolldiekh-Syssel` neu aufzunehmen.“
„Mann! Ihr wisst ja alles besser“, fuhr es da aus Edgar Petersen heraus. „Wahrscheinlich wisst ihr sogar, wie das damals hier abging.“
„Ja, das wissen wir, nämlich so:
Der Angeklagte musste sich im Armdrücken beweisen – verlor er, war er schuldig; allerdings war es bei Todesstrafe verboten, gegen den Sandmann von Stolldiekh zu gewinnen“:
„Mir reicht´s jetzt!“, seufzte Edgar Petersen. „Ihr sabbelt uns ja in Grund und Boden. Dann unterschreib` ich eben euern Fusionsvertrag. Frau Essmann, kommen Sie von der Amtsverwaltung mal als Aufsicht dazu“, sagte er noch und begann, das seit genau einem Jahr vorbereitete Papier zu unterzeichnen.
Da wurde plötzlich die Saaltür aufgerissen, hereingestürzt kam Jürgen Steffensen, rief „Halt! Stopp! Sofort alles Stopp!!“, stellte sich ans Rednerpult und führte aus:
„Ich hab ja jetzt erst durch Zufall erfahren, was da seit einem Jahr im Hintergrund gespielt wird. Als Amtsvorsteher von Südangeln untersage ich diesen Zusammenschluss, und als Bürgermeister von Böklund frage ich: Spinnt ihr eigentlich? Das könnt ihr nicht machen – wir gehören doch dazu! Ihr müsst Böklund unbedingt mitnehmen!
Aber ich muss das erst mit allen Institutionen, Vereinen, Interessenverbänden und Trägern öffentlicher Belange besprechen.“ „Na gut, wir kennen das ja schon vom vorigen Jahr. Wir geben dir auf den Tag genau ein Jahr Zeit.“ Daraufhin zitierte Jürgen Steffensen einen bekannten Kanzlerin-Satz: „Wir schaffen das.“
Und so vertrösten wir unsere Leser auf den nächsten 1. April, ob und wie es mit der Vergrößerung von Stolk weitergeht.












